Zwischen 1818 und 1851 erstreckt sich eine der eindrucksvollsten Phasen intellektueller Isolation in der deutschen Geistesgeschichte. Schon 1818 erschien die erste Ausgabe seines Hauptwerks Die Welt als Wille und Vorstellung, eine radikale Abkehr vom Idealismus der Zeit, verfasst während seiner Reisen durch Deutschland und Italien. Doch die Resonanz war minimal, kaum ein Leser, keine Universität, keine Schule der Philosophie nahm Notiz. Schopenhauer, damals in seinen frühen Dreißigern, erwartete Anerkennung, fand jedoch Stille. Ein entscheidender Moment kam 1820 in Berlin, als er beschloss, seine Vorlesungen zeitgleich mit denen von Georg Wilhelm Friedrich Hegel zu halten, der an der Universität die Hörsäle füllte. Schopenhauers Saal blieb leer, oft nur mit drei oder vier Studenten, ein beinahe symbolischer Ausschluss aus der akademischen Welt. Dieser Schlag führte zu seinem endgültigen Rückzug aus der institutionellen Philosophie. Ab diesem Moment betrachtete er sich als unabhängigen Geist, der der Mode des Denkens nicht folgen wollte. Nach mehreren Reisen und Jahren des Suchens ließ er sich 1833 dauerhaft in Frankfurt am Main nieder. In seiner Wohnung an der Schönen Aussicht lebte er wie ein gelehrter Einsiedler, begleitet von seinem Pudel „Atman“. Sein Tagesablauf war asketisch, frühes Aufstehen, konzentriertes Schreiben, lange Spaziergänge am Main, minutiöse Lektüre von Mystik, indischen Texten, Geschichte, Psychologie und Naturwissenschaften. Von 1830 bis 1850 veröffentlichte er mehrere Schriften darunter kleinere Aufsätze und Abhandlungen, doch auch diese gingen weitgehend unbeachtet an der Öffentlichkeit vorbei. Die akademischen Kreise blieben distanziert, Zeitungen schwiegen, und die wenigen Rezensionen waren oft feindselig oder spöttisch. Der Umschwung begann erst 1848–1851, inmitten der revolutionären Erschütterungen Europas. Das Vertrauen in idealistische Systeme wie das hegelsche begann zu bröckeln, und junge Ärzte, Naturforscher, Schriftsteller und Journalisten entdeckten in Schopenhauer plötzlich eine Stimme, die besser zum neuen Zeitalter passte, pessimistisch, realistisch, psychologisch präzise. Zeitungen wie die Vossische Zeitung und andere Publikationsorgane begannen, wohlwollend über ihn zu berichten. Den endgültigen Durchbruch brachte 1851 die Veröffentlichung der Parerga und Paralipomena, die sich überraschend gut verkauften und seinem Namen europaweite Bekanntheit verschafften. Schopenhauers Wohnung wurde zu einem Ort der Pilgerfahrten für Studenten, Intellektuelle und neugierige Leser. Zu diesem Zeitpunkt war Schopenhauer bereits über sechzig Jahre alt. Seine späte Berühmtheit war kein Ausbruch von Triumph, sondern eine stille Bestätigung seiner Überzeugung, dass philosophische Wahrheit einen anderen Zeitbegriff besitzt als der gesellschaftliche Erfolg. Die Jahrzehnte des Schweigens hatten seinen Stil geschärft, klar, schonungslos, präzise, frei von jeder Konzession an den Zeitgeist. Sein Ruhm kam nach langen Phasen der Einsamkeit, inneren Arbeit und kompromisslosen Treue zu seinen Einsichten.
Roberto
Minichini, Astrologe, Germanist und Kartenleger, Februar 2026

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