
Europa zu Beginn
des 16. Jahrhunderts war ein Raum voller geistiger Unruhe und überraschender
Öffnungen. Die alten Sicherheiten der Scholastik gerieten ins Wanken, neue
Übersetzungen antiker Texte verbreiteten ungeahnte Horizonte, und zwischen
Höfen, Universitäten und Klöstern wuchs das Bedürfnis, die Welt erneut zu
denken. Aus diesem Klima heraus lässt sich die erstaunliche Laufbahn eines
Mannes begreifen, der 1486 im kleinen Nettesheim bei Köln geboren wurde und
dessen Name erst viel später in der europäischen Gelehrtenwelt ein Eigenleben
entwickelte. Erst einige Jahre nach den ersten Sätzen dieses Textes tritt er
ins Bild: Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim, ein Intellektueller, der
durch Europa wanderte und aus jeder Station seines Lebens einen neuen
Kampfplatz für Gedanken machte. Seine Ausbildung in Köln, die um 1499 begann,
verband klassische Studien mit einer frühen Neugier auf jene Bereiche des
Wissens, die sich damals an den Rändern der offiziellen Disziplinen befanden.
Zwischen Recht, Medizin, Philosophie, Astronomie und Theologie zog es ihn vor
allem zu den Fragen, die nicht in Lehrbüchern beantwortet wurden. Nach
Abschluss seiner Studien führte ihn ein erster Aufenthalt nach Paris, wo der
Neuplatonismus und die lateinischen Humanistenkreise seinen Blick erweiterten.
Um 1508 taucht er in Spanien auf, als junger Offizier im Dienst Maximilians I.,
und erlebt ein Europa, das gleichzeitig im Krieg und in geistigem Aufbruch
stand. Ein Jahr später, 1509, erscheint er als Lehrer in Dôle. Dort stößt er
sofort auf Widerstand, weil er eine gelehrte Frau öffentlich verteidigt. Der
Konflikt mit Konservativen begleitet ihn fortan wie ein Schatten. Kurz darauf
führt ihn sein Weg nach Italien, nach Pavia und Turin, wo um 1510 die erste
Niederschrift seines späteren Hauptwerks entsteht, jenes Werkes, das erst
Jahrzehnte später in endgültiger Form veröffentlicht wird und heute zu den
Grundtexten der Renaissance-Esoterik zählt: „De occulta philosophia“. Darin
versucht er, die magische Tradition in drei Stufen zu ordnen und den Kosmos als
durchwirktes Feld von Kräften zu verstehen, in dem alles mit allem verbunden
ist. Sein Leben blieb rastlos. Zwischen 1518 und 1520 arbeitet er als
Stadtschreiber in Metz. Dort zeigt sich sein Charakter besonders deutlich. Als
ein Hexenprozess beginnt, stellt er sich mutig gegen die lokale Inquisition und
riskiert damit nicht nur seine Karriere, sondern auch seine Sicherheit. Danach
verlässt er das Gebiet des Deutschen Reiches und taucht für kurze Zeit in
London auf, bevor er sich in Lyon niederlässt. In Frankreich dient er Margarete
von Österreich als Arzt und Berater. Doch sein offener, ungeduldiger Geist
verträgt sich schlecht mit Machtstrukturen. Immer wieder gerät er in
Schwierigkeiten, weil er sich gegen Intrigen und gegen die Heuchelei der Höfe
stellt. Um 1527 verfasst er eine Schrift, die zur entscheidenden Wende seines
Denkens gehört. „De vanitate scientiarum“ ist eine schonungslose Abrechnung mit
der Eitelkeit der Wissenschaften und zugleich ein Ausdruck tiefer
intellektueller Müdigkeit. Während „De occulta philosophia“ die verborgenen
Ordnungen des Kosmos sucht, stellt dieses spätere Werk die Grenzen menschlichen
Wissens in den Vordergrund. Viele sahen darin Selbstkritik, andere einen
Rückzug aus der Hermetik, wieder andere einen Akt philosophischer Reinigung.
Sicher ist nur, dass Agrippa mit diesem Text erneut jene herausforderte, die
sich in ihren Dogmen eingerichtet hatten. Seine letzten Jahre standen im
Zeichen von Entbehrung und politischem Druck. Mehrmals wurde er verfolgt,
zeitweise inhaftiert und schließlich gezwungen, ein Wanderleben zu führen, das
weit entfernt war von den Glanzversprechen der Höfe. 1535, in Grenoble, endete
sein Weg. Doch das geistige Vermächtnis dieses Mannes blieb lebendig. Sein
Denken bewegt sich zwischen Mut und Zweifel, zwischen metaphysischer Neugier
und skeptischer Ernüchterung. Er verkörpert das seltene Profil eines Menschen,
der sich weigert, eine endgültige Wahrheit zu behaupten, und der zugleich
unbeirrt weiterschreitet, um neue zu suchen.
Roberto Minichini