domenica 8 febbraio 2026

Annemarie Schimmel, die europäische Gelehrte, die die innere Welt des islamischen Spiritualismus sichtbar machte


Annemarie Schimmel wurde 1922 in Erfurt geboren und starb 2003 in Bonn. Ihr Lebensweg gehört zu den außergewöhnlichsten innerhalb der islamwissenschaftlichen Forschung, denn er vereint intellektuelle Frühreife, kompromisslose Hingabe und eine wissenschaftliche Strenge, die niemals ihre poetische Sensibilität unterdrückte. Mit fünfzehn begann sie das Universitätsstudium, mit neunzehn schloss sie ihr Arabischstudium ab, mit dreiundzwanzig promovierte sie über die Religionsgeschichte des Islam. Deutschland befand sich mitten im Krieg, dennoch setzte sie ihre Studien ohne Unterbrechung fort und wandte sich früh der mystischen Literatur des Orients zu. Ihre akademische Laufbahn führte sie nach Bonn, Marburg, Ankara und schließlich nach Harvard, wo sie zu einer der bedeutendsten Kennerinnen des Sufismus sowie der persischen und indo muslimischen Literatur wurde. Ihre sprachlichen Fähigkeiten waren außergewöhnlich. Sie beherrschte mehr als vierzig Sprachen in unterschiedlicher Tiefe und nutzte Persisch, Türkisch, Arabisch und Urdu täglich in ihrer Arbeit. Dank dieser Vielsprachigkeit konnte sie die mystische Dichtung in den Originalquellen lesen und die kulturellen und theologischen Nuancen erfassen, die in Übersetzungen oft verloren gehen. Ihre Werke über Rumi, Hafis, die islamische Kalligraphie, die Farbsymbolik und die Namen Gottes gelten bis heute als grundlegende Referenzen, da sie philologische Analyse mit innerer Einsicht verbinden. In ihren Texten findet man nie die Kälte eines starren Akademismus. Ihre Schreibweise zeigt eine tiefe Achtung vor kontemplativen Praktiken, vor devotionalen Texten und vor der spirituellen Tradition des Islam, verstanden als Schulung der Seele. In den politisch angespannten Jahrzehnten zwischen dem Westen und der muslimischen Welt erfüllte Schimmel eine zentrale Vermittlerrolle. Sie setzte sich dafür ein, vereinfachende Bilder des Islam zu korrigieren, und erinnerte in Vorträgen und Büchern daran, dass die islamische Zivilisation ein komplexes Gefüge aus Poesie, Philosophie, Liturgie, Kunst, Volksfrömmigkeit und mystischer Suche sei. Diese Haltung brachte ihr Kritik aus ideologisierten Kreisen ein, dennoch wich sie niemals von ihrer Überzeugung ab, dass wahre Wissenschaft nur im Geist des Dialogs und der Genauigkeit möglich ist. Die Bedeutung ihres Werkes zeigt sich in den internationalen Auszeichnungen, die sie erhielt, darunter der renommierte König Faisal Preis. Sie wurde sowohl in muslimischen Ländern als auch an europäischen und amerikanischen Universitäten geehrt, da keine westliche Gelehrte den Sufismus mit einer vergleichbaren Mischung aus Präzision und Empfindsamkeit dargestellt hatte. Ihr Einfluss reicht bis in die Gegenwart der Forschung und prägt weiterhin das öffentliche Bild des islamischen Spiritualismus. Jede ernsthafte Beschäftigung mit der mystischen Dichtung des Islam führt unausweichlich über ihre Studien. Die Größe von Annemarie Schimmel liegt nicht nur in der enormen Menge ihrer Werke, sondern in der Qualität ihres Blicks der es dem Leser ermöglicht, einen lebendigen, lichtvollen und zutiefst menschlichen Islam zu erkennen. Ihre Stimme bleibt eine Brücke des gegenseitigen Verstehens zwischen dem Westen und der muslimischen Welt und zeigt, wie wissenschaftliche Arbeit zu einer echten Begegnung zwischen fernen Kulturen werden kann.

Roberto Minichini Februar 2026

Nessun commento:

Posta un commento